Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe


 
Schrott oder Held?
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

Gefühlte 10 Kriegsjahre habe ich mich durch dieses schrecklich schlecht geschriebene, chaotisch aufgebaute Buch geschlagen. Obwohl ich mich mit Homer und Assyrien ein bisschen auskenne und nicht jeden Fachbegriff googlen muss.... Aber erst nachdem ich im ZDF in einer hervorragend gemachten Dokumentation über Schrotts Thesen das ganze im kurzweiligen Zusammenhang und vor allem mit besseren Bildern als im Buch gesehen habe, ist mir klar geworden, dass dieser miserabel schreibende unkonventionelle Wissenschaftler einen Schlüssel zur Ilias liefert, wie es ihn noch nie zuvor gab. Plötzlich hat die Figur des Iliasdichters ein Gesicht und ein Leben, und ob die Stimme des Sängers nun durch Kastration hochgehalten wurde oder nicht, ist völlig unwichtig. Da spekuliert der Autor halt mit österreichischem Charme ein bisschen herum. Genau wie er gerne Wörter so lange schief ausspricht, bis sie ähnlich klingen. Aber seine etymologischen Herumalbereien sind doch bloß Randnotizen. Homer gehört für mich nun ohne Zweifel zu den "Schreibern im Alten Orient als Gelehrte und arme Schlucker" (Sabina Franke), nur dass er eben der erste kosmopolitische Grieche war, den wir fassen können. Und er war nicht das, was andere "Fachleute" schon jahrhundertelang an Homer herumphantasiert haben, bis hin zu der für einen literarisch versierten Menschen absurden Frage, ob es ihn als einzelne schöpferische Persönlichkeit überhaupt gab! Ich bin durch Raoul Schrott vollständig überzeugt, dass Homer Karatepe als Trojamodell benutzt hat, selbst wenn die Beweisführung manchmal überbordend abläuft. Schrotts Kernaussage ist richtig. Und damit ist er für mich ein Held. Und meine Hochachtung auch an die FAZ, dass sie den Kulturschub von Schrotts Arbeiten erkannt und dieses sämig fadenziehende Buch gepusht hat. Erst vor diesem neuen Hintergrund lässt sich Europas erste große Dichtung überhaupt richtig verstehen. Homer als grieschischer Gastarbeiter an der Grenze zu den altorientalischen Reichen, das macht die geniale Profilierung der griechischen Kultur überhaupt erst möglich und nötig. Challenge and Response. Der große Toynbee hätte gejubelt und Erik Voegelin wohl auch. Sorry, Ihr gelehrten Schliemannerben: Was bitte sollte denn Homer im historischen Troja, dem öden Hisarlik mit diesem dämlichen unhomerischen Holzpferd, wo es zu seiner Lebenszeit überhaupt keine kulturelle Herausforderung gab? Da liegen ja kaum Pfeile herum! Wenn die Ilias nach Schrotts Arbeiten endlich historisch und intellektuell fixierbar wird, sogar bis nach Jerusalem Bezüge zum Alten Testament aufbaut, was schon früh im Kreis des Philon von Alexandrien diskutiert wurde, kann man auch ganz neu an die Kypria herangehen und muss umso mehr das Genie des Iliasdichters bewundern. In gewisser Weise könnte Homer der Martin Luther der Griechen gewesen sein, der die geistigen Schätze der altorientalischen Reiche in seine Sprache gebracht und mächtig geformt hat. Der erste europäische Altorientalist. Noch nie habe ich mich so gefreut, mich durch ein Buch gequält zu haben.
Eine Rezension von Asenbaum, Karl Heinz "ask lepios!" > München
vom 1. Februar 2010
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